Mit dem folgenden Interview des Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes Dr. Clemes Prokop wird die Reihe, die bis zum Eröffnungstag am 6. Juni 2006 prominenten Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport und Gesellschaft Gelegenheit gibt, Meinungen und Erwartungen zur FIFA-WM in Deutschland zu äußern, fortgesetzt.
WFLV-AM: Fußball-WM 2006 in Deutschland - ist das für Sie nur ein internationales sportliches Großereignis oder mehr?
Dr. Clemens Prokop: Ein sportliches Großereignis im eigenen Land ist immer etwas ganz Besonderes. Deutschland kann sich der Weltöffentlichkeit als guter Gastgeber und sportbegeisterte Nation präsentieren.
WFLV-AM: Wie schätzen Sie die Erwartungen der anderen Nationen in Bezug auf den WM-Ausrichter Deutschland 2006 ein?
Dr. Clemens Prokop: Man erwartet sicherlich sehr viel. Dies gilt in ers-ter Linie in organisatorischer Hinsicht und für die Infrastruktur. Deutschland hat weltweit den begründeten Ruf „Organisations-Weltmeister" zu sein. Ich bin sicher, dass diese Einschätzung durch einen guten Verlauf der WM 2006 weiter gefestigt wird. Gerade für uns Leichtathleten ist dieses Image wichtig, weil wir uns um die Ausrichtung der Leichtathletik-WM 2009 bewerben. Rückenwind durch eine beispielhafte Fußball-WM können wir da gut gebrauchen.
WFLV-AM: Die Fußball-WM im eigenen Lande wird auch für viele Kinder und Jugendliche das Interesse an dieser Sportart verstärkt wecken. Welche Möglichkeiten von Politik und Gesellschaft sollten Ihrer Meinung nach stärker genutzt werden, um das ehrenamtliche Engagement zur Nachwuchsbetreuung besser zu unterstützen/fördern.
Dr. Clemens Prokop: Der Sport ist heute nicht mehr die zentrale Freizeitbeschäftigung der Jugendlichen. Er muss gegen vielfältige Angebote konkurrieren, die die Mädchen und Jungen interessanter finden als regelmäßiges Training oder Wettkämpfe. Dabei ist einerseits wichtig, wie sich eine Sportart in den Medien präsentiert, aber andererseits auch entscheidend, wie die Betreuung der Jugendlichen im Verein gestaltet wird. Dabei können wir nicht auf ehrenamtliche Betreuer verzichten. Sie stellen eigene Interessen zurück, opfern viel Freizeit und Geld, um sich für die Jugendarbeit einzusetzen. Dieses Engagement muss von Politik und Gesellschaft entsprechend gewürdigt werden.
WFLV-AM: Wo möchten Sie die Begegnungen der Fußball-WM 2006 am liebsten verfolgen?
Dr. Clemens Prokop: Wenn zeitlich möglich, natürlich live im Stadion. Für alle Sportarten gilt, dass das direkte Dabeisein und Mitfiebern durch eine Fernsehübertragung nicht zu ersetzen ist. Ansonsten werde ich mir die Spiele in ARD und ZDF ansehen. Ich halte es für sehr wichtig, dass sportliche Großereignisse wie Olympia oder Fußball-WM im frei zugänglichen, öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen werden.
WFLV-AM: Sehen Sie neben der Freude auf die WM 2006 und einem enormen Impuls für den Fußball auch den „Wirtschaftsfaktor Fußball-WM 2006" - mit der Verbesserung der Infrastruktur, einem Beitrag zum Strukturwandel im Ruhrgebiet, einer „Welt-Medien-Präsenz Deutschlands" über Wochen?
Dr. Clemens Prokop: Diese Vorteile aus der Ausrichtung sind der Anreiz für Nationen, Regionen oder Städte, sich um sportliche Großereignisse zu bewerben. Sie sind unbestritten gegeben und haben sich immer wieder bestätigt. Es wäre politisch und wirtschaftlich völlig falsch zu behaupten, dass die Ausrichtung solcher Großveranstaltungen nur viel Geld kostet und nichts bringt. Es gibt genügend Beweise, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Die notwendigen Stadien- und Verkehrsbauten, die Verbesserung des Unterkunfts-angebots und die Schaffung von zeitlich befristeten, aber auch dauerhaften Arbeitsplätzen hat große ökonomische Bedeutung. Die Vorteile für die Bewohner der Gastgeber-Region sind oft langfristiger Natur.
WFLV-AM: Ich freue mich auf die Fußball-WM 2006 in Deutschland, weil…
Dr. Clemens Prokop: ... sich Deutschland dabei als große Sportnation mit Organisationstalent beweisen wird,
- mittel- und langfristig dabei etwas für die Spielorte und ihre Bewohner zurückbleibt,
- hoffentlich viele Kinder und Jugendliche dadurch wieder den Weg in einen Sportverein finden,
- in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eine sportfreundlichere Haltung entstehen kann
und natürlich
- ich insgeheim hoffe, dass die deutsche Nationalmannschaft ein Ergebnis ähnlich dem bei der letzten WM erreichen kann.
Freuen Sie sich auf das Statement von Ruhrbischof Dr. Felix Genn, der in der nächsten Ausgabe der WFLV-AM Rede und Antwort stehen wird.