WFLV-AM: Fußball-Weltmeisterschaften 2006 in Deutschland - ist das für Sie nur ein internationales sportliches Großereignis oder mehr?
Dr. Jürgen Rüttgers: Die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland ist ein gesellschaftliches und sportliches Ereignis von enormer Bedeutung für unser Land. 16 Spiele in NRW zu veranstalten und mit vielen Gästen aus nah und fern miteinander fröhlich und friedlich zu feiern, sind Chance und Herausforderung zugleich.
WFLV-AM: Wie schätzen Sie die Erwartungen der anderen Nationen in Bezug auf den WM-Ausrichter Deutschland in 2006 ein?
Dr. Jürgen Rüttgers: Wenn Deutschland Gastgeber ist, erwarten unsere Gäste in erster Linie eine perfekte Organisation von A wie Anfahrt bis Z wie Zimmerqualität. Darüber hinaus werden gewiss hohe Ansprüche an unsere Nationalmannschaft gestellt. Wir wollen unsere Gäste positiv überraschen. So wie uns das bei Weltjugendtag in Köln bereits sehr gut gelungen ist.
WFLV-AM: Gibt es einen ganz persönlichen Bezug / Wunsch, den Sie mit der WM 2006 verbinden?
Dr. Jürgen Rüttgers: Ich wünsche mir, dass Deutschland Weltmeister wird!
WFLV-AM: Wie bewerten Sie die WM 2006 aus Ihrer beruflichen Perspektive? Gibt es da Berührungspunkte?
Dr. Jürgen Rüttgers: Als Ministerpräsident des Landes mit den meisten Spielen gibt es natürlich viele Berührungspunkte. Für mich ist diese Fußball-Weltmeisterschaft vor allem die Chance, den Gästen unser schönes NRW von seinen besten Seiten zu präsentieren.Denn bei den Weltreiterspielen in Aachen, der INAS-FID Fußball-WM der Menschen mit Behinderung, der Hockey-WM der Herren, der Handball-WM, der Kanu-Renn-WM und zu vielen anderen Gelegenheiten, spätestens aber 2010, wenn Essen und das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt sind, möchte ich die Gäste aus nah und fern mit einem fröhlichen „nice to meet you again" in NRW wieder begrüßen.
WFLV-AM: Die Fußball-WM im eigenen Lande wird auch für viele Kinder und Jugendliche das Interesse an dieser Sportart verstärkt wecken. Welche Möglichkeiten von Politik und Gesellschaft sollten Ihrer Meinung nach stärker genutzt werden, um das ehrenamtliche Engagement zur Nachwuchsbetreuung besser zu unterstützen/fördern.
Dr. Jürgen Rüttgers: Ich wünsche mir, dass die Fußball-WM dazu beiträgt, dass sich unsere Kinder und Jugendlichen wieder mehr bewegen. Denn nur Bewegung hält Körper und Geist fit. Außerdem wünsche ich mir, dass die Menschen das Ehrenamt wieder als echte Bereicherung ihres Alltags erkennen und leben. Denn was wäre denn der Sport ohne die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer? Auch sportliche Großereignisse wie die Fußball-WM könnten ohne sie nicht stattfinden. Die Menschen, die als Ehrenamtliche bei der WM helfen, werden noch ihren Enkelkindern stolz erzählen: Ich war dabei! Genau diese Einstellung brauchen wir in allen Bereichen. Deshalb hat die Landesregierung sich zum Ziel gesetzt, das Ehrenamt zu unterstützen, wo sie kann. So werde ich nach den vier Weltmeisterschaften in diesem Jahr einer von den Verbänden getroffen Auswahl von Ehrenamtlichen, die bei den Weltmeisterschaften aktiv geholfen haben, mit einem Fest Dank sagen, um ihre Leistungen anerkennend zu würdigen.
WFLV-AM: Die Weltmeisterschaften sind der internationale Vergleich der Nationalmannschaften - bringt der deutsche Fußballsport / die Talentförderung im deutschen Fußball genügend Spitzenspieler hervor oder hätten Sie Verbesserungsvorschläge?
Dr. Jürgen Rüttgers: Es gibt immer Verbesserungsmöglichkeiten. Denn Stillstand ist Rückschritt. Doch möchte ich ungern denen, die es besser als ich wissen müssen, Ratschläge erteilen.
WFLV-AM: Der WFLV wirbt mit der Kampagne „Respect" im Rahmen des WM-Mottos „Zu Gast bei Freunden" für ein gewaltfreies Miteinander. Bei einem Viertel der Spielpaarungen, in drei Fußballstadien des Landes (DO, GE, K) werden hohe Anforderungen an Organisation, Verkehrsmittel und Sicherheit gestellt. Können wir diesen Erwartungen gerecht werden und unser Image in der Welt weiter verbessern?
Dr. Jürgen Rüttgers: Ich habe ganz bewusst die Schirmherrschaft für diese Kampagne übernommen, weil ich fest davon überzeugt bin, dass wir uns alle für ein faires Miteinander einsetzen sollen. Denn wir können uns im Bereich Infrastruktur, Sicherheit und Organisation anstrengen wie wir wollen. Nur wenn wir allen das Gefühl geben, wirklich zu „Gast bei Freunden" zu sein, kann es einen nachhaltigen Imagegewinn geben und ein fröhliches Fußballfest werden.
WFLV-AM: Wie bewerten Sie die Chancen der deutschen Nationalmannschaft auf den WM-Titel 2006 im eigenen Lande?
Dr. Jürgen Rüttgers: Gut. Sie waren immer schon eine Turniermannschaft und werden zudem auf der Woge der Begeisterung mitgetragen und deshalb Bestleistungen zeigen.
WFLV-AM: Wo möchten Sie die Begegnungen der Fußball-WM 2006 am liebsten verfolgen? Am liebsten mit anderen zusammen, egal wo. Ich werde Spiele in allen drei WM-Stadien in unserem Land besuchen.
WFLV-AM: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft (Herren) wurde seit den WM Titeln 1954, 1974 und 1990 (und inzwischen auch Frauen 2003) als die „eigentliche Botschafterin Deutschlands in der Welt" bezeichnet. Zahlreiche Fußballbegriffe (rote/gelbe Karten, Abseits, Ball flach halten) haben Eingang in die Alltagssprache der Menschen gefunden. Ist für Sie Fußball auch „mehr als ein 1:0" - sind Ihnen Beispiele hierfür widerfahren?
Dr. Jürgen Rüttgers: Fußball ist immer mehr als nur ein Ergebnis. Fußball ist Emotion pur. Die nordrhein-westfälischen Botschafterinnen und Botschafter der oben genannten Fußball-Weltmeisterschaften haben wir übrigens im Rahmen unserer Veranstaltung „Sport trifft Kultur" am
12. Mai geehrt. Das zeigt einmal mehr die hohe und lange Wertigkeit dieser Erfolge nicht nur im Ausland, sondern auch und vor allem in der Heimat.
WFLV-AM: Sehen Sie neben der Freude auf die WM 2006 und einem enormen Impuls für den Fußball auch den „Wirtschaftsfaktor Fußball WM 2006" - mit der Verbesserung der Infrastruktur, einem Beitrag zum Strukturwandel im Ruhrgebiet, einer „Welt-Medien-Präsenz Deutschlands" über Wochen?
Dr. Jürgen Rüttgers: Die WM bringt Schwung ins Land. Die Wirtschaft zieht an und wir gehen davon aus, dass auch eine deutliche Endlastung auf dem Arbeitsmarkt spürbar wird. Damit sich die Gäste aus aller Welt in Deutschland sicher und wohl fühlen, müssen sie rund um die Uhr verpflegt, versorgt, informiert, unterhalten und transportiert werden. Das schafft Arbeit und es macht viel Arbeit! Allen, die zum Gelingen der WM beitragen und im Vorfeld schon enormes geleistet haben, möchte ich deshalb an dieser Stelle im Namen der Landesregierung herzlich danken.
Mit dem folgenden Interview des Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers wird die Reihe, die bis zum Eröffnungstag am 6. Juni 2006 prominenten Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport und Gesellschaft Gelegenheit gibt, Meinungen und Erwartungen zur FIFA-WM in Deutschland zu äußern, beendet.