Alte-Herren und Alt-Senioren Fußball als Bestandteil alltäglicher Lebensweise, Teil I
von Prof. Dr. Jürgen Schwark
Die Sportwissenschaft und die Medien konzentrieren sich beim Thema Fußball ganz überwiegend auf den Profifußball. Aussagen und Daten zum Amateurfußball und vor allem zum Bereich Alte-Herren und Alt-Senioren liegen bislang nicht vor. Insofern wundert es kaum, dass sich über diesen Bereich nach wie vor hartnäckig Stereotype und Vorurteile ranken. Außerhalb des Verbandes wird kaum ein Unterschied zwischen Theken-, Hobby- und Traditionsmannschaften sowie dem Spielbetrieb von Ü 32, Ü 40 und Ü 50 Mannschaften vorgenommen. Fußball spielen im fortgeschrittenen Alter wird bislang immer noch mit Übergewichtigkeit und Trainingsabstinenz in Verbindung gebracht. Nach dem Motto „Dicke Bäuche - dünne Beine“ reicht die Zuschreibung in die Milieuspezifik des reinen Arbeitersports, die in feucht-fröhlicher Runde ein bisschen gegen den Ball kicken, aber keinen „richtigen“ Sport mehr betreiben. Ohnehin wird immer noch davon ausgegangen, dass Fußballspielen eine Angelegenheit im Durchschnitt bis Ende 30 Jahre ist. Innerhalb des Verbandes wissen wir, das dieses drastisch gezeichnete Zerrbild mit der Realität des organisierten Spielbetriebs von Alte-Herren- und Alt-Senioren-Mannschaften jedoch keine Übereinstimmung hat. Wir wissen dies aus unseren Alltagserfahrungen, aber zu widerlegen waren die Stereotype und Vorurteile mit harten Zahlen und Fakten bislang nicht.
Ziel dieser empirischen Studie ist es, erstmals Daten zur Sporttätigkeit älterer Fußballspieler zu gewinnen. Im Einzelnen sollen Aussagen zu Ausmaß, Umfang und Intensität der Sportaktivität vorgenommen werden. Trainieren Alte-Herren und Alt-Senioren überhaupt oder spielen sie nur? Sind Warmlaufen und gymnastische Übungen Fremdworte? Wird nach Betreten des Platzes sofort losgedroschen? Darüber hinaus sind von Interesse die Daten zur biographischen Perspektive des Sporttreibens und zum ehrenamtlichen Engagement. Ist wirklich mit Ende 30, spätestens mit Mitte 40 Schluss? Und kümmern sich Alte-Herren und Alt-Senioren Spieler nur um sich, besetzen Trainings- und Spielzeiten, engagieren sich aber sonst nicht für den Verein? Wir werden anhand der Ergebnisse sehen, dass all diejenigen, die diese Fragen mehr oder weniger ernsthaft gestellt haben, vollkommen daneben liegen. Die Wirklichkeit sieht anders aus und sie befindet sich auch für diese Gruppe im wahrsten Sinne des Wortes „auf dem Platz“.
Die Studie
Im Zeitraum von April bis Juni 2003 wurden 300 Mannschaften aus dem Bereich Ü 32, Ü 40 und Ü 50 in allen drei Landesverbänden des WFLV angeschrieben und darum gebeten, die beigefügten Fragebögen auszufüllen. An der Erhebung nahmen 67 Mannschaften teil. Das entspricht einer für dieses Verfahren guten Rücklaufquote von 22,3 %. Insgesamt beteiligten sich exakt 750 Spieler an der Befragung. Ihnen sei an dieser Stelle nochmals herzlich für ihre Unterstützung gedankt.
Die Ergebnisse dieser Studie können als repräsentativ für den Bereich desWestdeutschen Fußball- und Leichtathletikverbandes gelten. Etwa zwei Drittel der Spieler gaben an, in ihrer Fußballkarriere die häufigsten Spiele innerhalb des Kreises absolviert zu haben. Etwa ein Fünftel spielte im Bezirk, ein Zehntel auf Landes- bzw. Verbandsebene und ca. 2 % spielten Oberliga bis Bundesliga.1 ( 1 Befragt nach der höchsten Liga in der gespielt wurde, liegen die Werte deutlich höher, bspw. bei 6 % für Oberliga bis Bundesliga.)
Neunzig mal trainieren
und spielen
Zunächst ist von Interesse, wie häufig Alte-Herren-Spieler (die Ü 40 und Ü 50 schließen wir nachfolgend unter diesen Begriff zusammen) trainieren, wie lange und welche Bestandteile das Training aufweist.
Die erste positive Überraschung wird gleich in Grafik 1 deutlich. 85 % aller Spieler trainieren einmal oder mehrmals pro Woche. Lediglich knapp 5 % finden sich weniger als einmal pro Woche zum Trainingsbetrieb ein und nur jeder zehnte Spieler bestreitet ausschließlich Spiele. (Vorausgesetzt die trainierenden Mitspieler lassen ihn spielen - aber das ist ein anderes Thema.). Zwischen den verschiedenen Altersgruppen finden sich im übrigen keine signifikanten Unterschiede. Bei den Ü 50 wird genauso häufig trainiert wie bei den Ü 32!
Weiter von Interesse ist nun die Frage, wie lange das Training dauert und wie es gestaltet wird. Knapp ein Viertel der Spieler trainiert bis zu 60 Min., mehr als zwei Drittel trainieren bis 90 Min. und fast 7 % gaben an, sich bis 120 Min. zu verausgaben. Sind die seit Jahrzehnten propagierten Aufwärm- und Gymnastikprogramme „erfolgreich“ von den älteren Fußballjahrgängen ignoriert worden, oder besteht das Training mehr als nur im „Ball rein - losbolzen“? Nach dem Motto: „Einen gibt es immer“, trifft dies auf ca. 15 % der Spieler zu. Alle anderen beteiligen sich mehr oder weniger intensiv an einem differenzierten Training. Wenn wir einen idealtypischen Trainingsablauf darstellen, dann sieht dieser wie folgt aus:
Der Trainingsort wechselt jahreszeitlich bedingt im Winter in die Halle. Hallenfußball spielen 83 %, davon wiederum die Mehrheit im Winter, allerdings auch 15 % ganzjährig.
Durchschnittlich absolvieren die Alte-Herren-Spieler zu ihrem Training noch 31 Spiele im Jahr. Dieser Durchschnittwert setzt sich aus (wenigen) Spielern zusammen, die nur trainieren und nicht mehr oder ganz wenig spielen und Spielern die bis zu 96 ! Spiele (zusätzlich zum Training) pro Jahr durchstehen. Darunter fallen sowohl Meisterschafts-, Pokal- und Freundschaftsspiele, aber auch Spiele in den I., II. und/oder III. Mannschaften ihres Vereins. Dort spielt mehr als jeder zehnte Alte-Herren-Spieler regelmäßig oder hilft zumindest sporadisch aus.
Insgesamt kommen die Spieler damit auf durchschnittlich 90 Fußballtermine pro Jahr. Wir haben es hier alsomit einer Gruppe zu tun, die Fußball im biographischen Kontext beständig in ihren Alltag, man muss wohl genauer sagen - in den Familienalltag integriert hat. Zur eventuellen familiären Akzeptanz oder Resignation lässt sich an dieser Stelle zwar keine Aussage machen, aber wir haben Daten darüber vorliegen, seit wann und wie kontinuierlich das Fußball spielen sich entwickelt hat und welche zeitlichen und sportlichen Perspektiven noch zu erwarten sind. Darüber hinaus wird in Teil II auf das ehrenamtliche Engagement und auf die soziale Zusammensetzung eingegangen. Dann wird auch geklärt, ob die Bäuche dick und die Beine dünn sind, oder umgekehrt.
Prof. Dr. Jürgen Schwark (Jg. 1961) lehrt an der Fachhochschule Gelsenkirchen, Abt. Bocholt im Fachbereich Wirtschaft und ist Lehrbeauftragter an der Westfälischen Wilhelms Universität Münster im Fachbereich Sportwissenschaften.